Auszeit von meinen Ansprüchen

Ich bin überfordert. Von der Weltlage, von Social Media, von meinen eigenen Ansprüchen. Ich weiß, dass ich kein perfektes Leben leben muss. Mich nicht um alles kümmern, nicht die Welt retten muss. Dass ich das gar nicht kann und das auch niemand erwartet. Und trotzdem … würde ich gerne die Welt verändern, zumindest den Klimawandel stoppen und sie zu einem besseren Ort machen, zum Weltfrieden beitragen.

Vegan leben, wenigstens vegetarisch essen, nachhaltige und umweltbewusste Entscheidungen treffen. Anderen gelingt das doch auch. Ich würde gerne gesund leben, meine Daten selbst in der Hand haben, mich regelmäßig bewegen – Laufen, Yoga, Fahrradfahren – dazu bräuchte es eigentlich noch Krafttraining, weiß jeder. Ich würde mich gerne mehr engagieren, für Gleichberechtigung, die Demokratie, gegen Rassismus, für unsere Umwelt.

Produktiv und gut abgesichert will ich natürlich auch noch sein, meine Möglichkeiten und Potenziale nutzen. Raus aus der Komfortzone, rein in die Komfortzone – keine Ahnung, welcher Ansatz gerade recht hat.

Dann wüsste ich voll gern auch noch umfassend Bescheid. Also so richtig echtes Wissen, von all den Dingen, die wichtig sind. Um mitreden zu können, gute Entscheidungen zu treffen, Paroli zu bieten, wenn nötig. Aber fundiert halt, nicht einfach nur noch ne Meinung in den Raum stellen, mit der man wenig anfangen kann.

Statt daran zu arbeiten oder mich zu engagieren, erwische ich mich bei der Weltflucht: Social Media meiden, in Romane und Serien abtauchen, den Frühling genießen. Oder ist das gar keine Weltflucht sondern die Rettung des Gemüts und der eigenen Verfassung? Jedenfalls brauche ich ganz dringend mal eine Stimme, die mir sagt:

Es ist okay. Du tust genug. Es gilt, wenn Du es immer wieder versuchst und das Dir Mögliche machst. Niemand schafft das alles. Nicht auf einmal und nicht immer.

Deshalb: An manchen Tagen ist es schon viel, aufzustehen und zu duschen. Es ist schon viel, wenn Du irgendwie durch den Tag kommst. „Mit Anstand den Tag rumkriegen“, sagte eine liebe Bürokollegin immer. Also am besten ohne jemanden zu beschimpfen, anzuschreien oder in Tränen auszubrechen. Wobei Tränen schon okay sind, finde ich. Verständlich auf jeden Fall, so wie es gerade aussieht.

Und: Weder setzt Du die Welt in Brand, noch folterst Du jemanden oder bringst jemanden um. Das ist doch schon mal was. Würden das alle – also wirklich alle – so machen, wäre die Welt schon ein deutlich besserer Ort.

Also: Sei nicht zu streng mit Dir. Nimm Dir ne Auszeit von Deinen Ansprüchen und versuch es morgen wieder. Oder übermorgen. Wenn Du richtig ausgeschlafen bist. An der frischen Luft warst und vielleicht mal ordentlich gedrückt wurdest.

Bis dahin: Pass auf Dich auf, mach das Telefon aus und tu etwas, was Dir guttut.

Falls Dir gerade nichts einfällt, was guttun könnte, guck mal hier: Eine Stunde geschenkt

6 Antworten auf „Auszeit von meinen Ansprüchen“

  1. Liebe Melanie,
    was für ein schöner Brief an Dich selbst. Da hast Du alle relevanten Gedanken grandios zusammen gefasst.
    Ich kenne einen Brief an sich selbst schreiben analog. Das ist auch cool. Du schreibst einen Brief fertig adressiert und frei gemacht an dich, steckst ihn in einen größeren Umschlag und schickst ihn mit einer netten Botschaft an eine Freundin. Diese schickt Dir dann Deinen Brief irgendwann, wenn sie den Impuls hat.
    Ich sage Dir, es ist magisch.
    Alles Liebe und Gute

    1. Ah, auch interessant, liebe Margaretha. Ich kenne das aus verschiedenen Seminaren und habe selbst oft Briefe meiner Teilnehmenden versendet. Die haben sich das Datum immer selbst ausgesucht. Kann mir vorstellen, dass es auch Charme hat, wenn ein anderer den Zeitpunkt wählt.
      Wobei es hier ja quasi als Notfallapotheke für schlechte Zeiten gedacht ist, damit ich selbst nachlesen kann, wenn es mal wieder nötig ist.

  2. Ja, manchmal muss man auch mal Pause machen, sonst kann man irgendwann niemandem mehr helfen, schon gar nicht sich selbst.
    Was die Hilflosigkeit gegenüber der Weltlage angeht: Mir geht es viel besser seit ich mich ehrenamtlich engagiere. Aber auch da muss ich mich manchmal zurückpfeifen. Daher Danke für diese Erinnerung!

  3. Oh ja, ich fühl das so sehr! Statt auf das zu gucken, was ich im Laufe der Zeit schon alles bewältigen konnte, schau ich auch so gerne auf das, wo noch mehr geht. Dabei würden wir bei anderen nie auf die Idee kommen, so hohe Ansprüche zu stellen.
    Danke für den schönen Text! Ich nehme das mal so mit und gehe mal in mich. 😉

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