Begegnungen über die Zeit

Das Buch, das ich gerade lese, ist ein Meisterwerk an Gleichzeitigkeit: „Treppe aus Papier“ von Henrik Szántó. Der erste Satz geht über mehr als drei Seiten, die Erzählperspektive ist ungewöhnlich: Das Haus erzählt. Es erinnert alle Bewohner*innen über die gesamte Zeit, seit seinem Bau. Es sieht ihre Geschichten sich gleichzeitig überlagernd, wobei immer klar ist, wo hier und jetzt ist. Sonst wäre man echt lost, es passiert viel Gegensätzliches über die Zeit.

Es stellt sich vor, wie die Teenagerin von heute die Teenagerin damals im Krieg kennengelernt hätte und ob sie sich verstanden hätten. Es stellt sich vor, dass die Greisin von heute sich selbst als kleines Kind treffen würde. Es erzählt über deutsche Geschichte, über Erziehungsratgeber und das Vergessen-Wollen. Nicht-wissen-Wollen. Über das Unbehagen des Ahnens. Das allmähliche Begreifen, dass die eigene Familie wohl nicht zu den Unschuldigen gehört. Das Haus weiß, was innerhalb seiner Wände passiert und es erinnert. – Sehr cool gemacht.

Mit dem Buch im Kopf war ich gestern laufen und stellte mir vor, der Weg könnte ebenso denken wie das Haus. Ich könnte mir selbst begegnen, beim Laufen als ich mal richtig fit war, so vor neun oder zehn Jahren, und mir zurufen: „Bleib dran, es lohnt sich!“ Ich dachte darüber nach, wen ich schon alles in Gedanken beim Laufen dabei hatte und wie sie vielleicht auch auftauchen könnten: Erste Auftraggeber, als schwierig erlebte Seminargruppen, den alten Chef und welche, die es hätten werden können. Plötzlich käme die Twitter-Laufgruppe von damals vorbei, eine Lauffreundin und ein Freund, der mich immer wieder aus der Ferne motiviert dranzubleiben.

Auf dem Weg kommt mir eine Familie entgegen. Ich denke noch, die kommen mir irgendwie bekannt vor. Brauche aber, bis ich sie einordnen kann: Nachbarn aus meiner ersten eigenen Wohnung – die Tochter war damals vielleicht vier. (Heute also um die zwanzig – what?!). Wir grüßen uns, ich überlege, ob ich stehen bleibe, frage, wie es ihnen geht, wo sie jetzt wohnen. Doch da bin ich schon vorbeigelaufen. Als ich mich umblicke, sind sie hinter der nächsten Kurve verschwunden. Ich bin nicht ganz sicher, ob sie wirklich da waren. Lächle über mich selbst. Ich liebe diese Magie von Büchern und Gedanken.

Das Buch „Treppe aus Papier“ ist mein Januar-Buch aus dem Bücher-Abo vom lokalbook.shop. Keine Ahnung wie Anja und Annette das hinkriegen: Die Bücher sind jedes Mal richtig gut. Ich bin inzwischen im dritten Abo-Jahr und empfehle das sehr gern weiter (ohne Gegenleistung).

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