Bescherung

Da es bei uns weder die Geschichte vom Weihnachtsmann noch vom Christkind gab, die die Geschenke brachten, brauchte es keine Verkleidungen oder unbemerkte Geschenkelieferungen für die Bescherung. Trotzdem war es an Heiligabend aufregend genug. Bei Oma war die gute Stube sowieso besonders und für uns Kinder eigentlich tabu. Meistens war es dort auch furchtbar kalt, trotz der dicken Berberteppiche, die da lagen. Geheizt wurden die Räume nur, wenn sie auch genutzt wurden; in meiner Erinnerung war das fast nur an Weihnachten.

Ganz selten durfte ich auch so mal dort in ihrem großen Lesesessel sitzen und mir eine Schallplatte anhören. „Die Zwölfte“ von Reinhard Mey war mein absoluter Favorit damals. Und was hab ich ihre Bücherwand bewundert und den Bücherstapel auf dem Beistelltisch neben dem Sessel. Das mit den Buchclubs und SuB (Stapel ungelesener Bücher) muss ich wohl von ihr haben.

Aber zurück zum Heiligen Abend. Das Wohnzimmer war also tabu und mein Bruder und ich mussten den Tag irgendwie rumkriegen, während die Erwachsenen die Bäume schmückten und all die anderen Vorbereitungen trafen. Einen Teil des Tages verbrachten wir damit, unsere Gedichte auswendig zu lernen. Das war nämlich so Tradition: Um in die gute Stube eingelassen zu werden, mussten wir auf das Klingeln des Glöckchens warten und dann jeder ein Gedicht aufsagen. Wir hätten auch singen können, aber ich glaube, das haben wir beide nie gemacht.

Nach unseren Gedichten gab es die Bescherung und wir durften unsere Geschenke auspacken. Ob es das Abendessen vorher oder hinterher gab, erinnere ich nicht mehr. Viel wichtiger war das Ausprobieren der Geschenke: Hoch ins Badezimmer, um das Wasser für unsere neuen Playmo-Schiffe einzulassen. Die hatten nämlich echte Motoren, mit denen sie in der Badewanne schippern konnten. Gab es Gesellschaftsspiele, mussten die natürlich auch direkt erprobt werden – ob „Heimlich und Co.“, „Sagaland“ oder „Das verrückte Labyrinth“.

Tradition hatten auch unsere Weihnachtsspaziergänge. Da war es egal, ob wir bei Oma gefeiert haben oder bei uns zu Hause. Am Nachmittag ging es immer gemeinsam in den Wald und durch die Siedlung, um die Zeit besser rumzukriegen und uns Kinder noch etwas durchzulüften bei all der Aufregung. Besonders toll fand ich diese Spaziergänge nicht, aber die Zeit vertrieben sie wirklich gut. Und ich mochte die vielen Lichter in den Fenstern und die beleuchteten Bäume in den Gärten, die mein Bruder und ich zählten, und uns gegenseitig erinnerten, welche davon wir an anderen Nachmittagen heimlich ausgedreht hatten.

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