Während der Weiterbildung in der Transaktionsanalyse standen wir in der Ausbildungsgruppe öfter mal vor der Frage: Was mache ich denn jetzt mit all der Analyse und Erkenntnis? Oft kommt man ja ganz gut bis genau dahin: Bewusstsein, dass man sich so verhält, wie man sich verhält, Erkenntnis, warum und wofür man das macht, und Analyse, wo das Verhalten herkommt. Dann weiß man ganz viel, hat aber leider oft noch nichts verändert. Man kann sich dann ganz bewusst beim „Bescheuertsein“ zusehen.
Wobei ich in dieser Hinsicht dafür plädieren würde, gnädig mit sich zu sein – und den Artikel „Nicht schon wieder!“ empfehle. Trotzdem bleibt natürlich die Frage, wie denn nun Veränderung gelingen kann, wenn ich etwas wirklich verändern will. Irgendwie muss das Ganze aus dem kognitiven Wissen ja noch ins Erleben und Gefühl einsinken, damit sich wirklich etwas verändert. Die ganzen Modelle und Vorstellungen von Ich-Zuständen, Antreibern, vom Lebensskript und vielem mehr zu lernen und darüber zu diskutieren, war schon spannend und hilfreich und auch über weitere Ansätze zu lesen, aber …
Dieses Einsinken von Erkenntnissen und wirkliche Veränderung kamen selten einfach beim Lernen oder Lesen. Ich möchte nicht darüber reden, wie viele Ratgeber ich in meinem Leben gelesen habe, ohne viel zu verändern. Was wirklich half, waren die vielen Gespräche und Begegnungen – mit den Ausbilder*innen während der Weiterbildung, in den Coachings nebenher und mit den anderen Teilnehmenden. (Liebe Grüße an die Peergroup!) Diese Gespräche waren anders, als die, die man so normal im Freundes- oder Kolleg*innenkreis führte. Sie schufen einen Raum, in dem neue Erfahrungen und anderes Erleben möglich wurden, in denen Überzeugungen überprüft und auch verändert werden konnten.
Einen ähnlichen Raum schafft für mich das Schreiben. Nicht für irgendjemanden oder zum Veröffentlichen, sondern einfach um die eigenen Gedanken und inneren Gespräche festzuhalten und – das gelang mit der Zeit immer öfter – um sie zu erkunden und nach und nach zu verändern.
Dafür war die Idee der Ich-Zustände aus der Transaktionsanalyse (TA) und auch aus anderen Ansätzen für mich perfekt. Darin geht man davon aus, dass die Ich-Zustände oder inneren Anteile sowas wie eigene, kleine Persönlichkeiten sind, die auf der inneren Bühne ihre Rollen übernehmen und damit das Verhalten steuern.
Interessant fand ich, dass man davon ausgeht, dass diese kleinen Persönlichkeiten oft im Kindesalter entstehen und gewissermaßen eingekapselt sind. Sie bekommen nicht mit, dass man erwachsen wird, sich inzwischen weiterentwickelt und Ressourcen hinzugewonnen hat. Sie setzen also weiterhin auf die Schutz- oder Abwehrstrategien, die sie in ihren kindlichen Möglichkeiten zur Verfügung haben.
Diese Annahme hat meinen Blick auf meine inneren Anteile ziemlich verändert. Wo ich sonst ärgerlich oder wütend auf mich wurde, bekam ich eher Mitleid, wenn ich mir überlegte, was für junge Kinder da mit mancher Herausforderung umgehen mussten und versuchten, für unseren Schutz zu sorgen.
Viel von dem, worum es diesen kleinen Persönlichkeiten ging, habe ich schreibend herausbekommen. Ich habe damit angefangen, aufzuschreiben, was sie wohl sagen würden. Dafür habe ich mir Situationen ins Gedächtnis gerufen und habe mir überlegt, was einzelne Anteile zu sagen hätten. Die TA gibt schon eine bestimmte Auswahl vor: das kritische und das fürsorgliche Eltern-Ich, das Erwachsenen-Ich sowie das angepasste, rebellische und das freie Kind-Ich.
Andere Ansätze, wie zum Beispiel das System der inneren Familie von Richard C. Schwartz, bieten verschiedene Figuren an, die in der Arbeit mit Klienten häufig vorkommen, wie innere Kritiker, Beschützer oder Verletzte. Die Hypnosystemik von Gunther Schmidt ermutigen dazu, die eigenen Anteile ganz individuell selbst kennenzulernen, nach ihrem Alter zu fragen und ihnen Namen zu geben.
Davon angeregt wurde mein Schreiben immer intuitiver. Wie beim kreativen Schreiben hörte ich auf, zu viel nachzudenken, und schrieb einfach auf, was mir in den Sinn kam. Ich fing an, Dialoge mit den inneren Anteilen zu führen, sie selbst nach ihren Namen zu fragen, nach ihren Wünschen und Ängsten. Wenn sie dazu bereit waren, ließ ich verschiedene Anteile miteinander ins Gespräch kommen und griff nur ein, wenn sie unhöflich oder gemein zueinander wurden.
Manchmal musste ich einen Anteil erst davon überzeugen, dass ich wirklich vertrauenswürdig und wohlgesonnen genug war, bevor er mich zu einem anderen durch ließ. Oder ich sollte einen bestimmten Anteil aus dem Raum schicken, bevor ein anderer sich traute, sich zu zeigen. Eine Alice-Schwarzer-Anhängerin konnte ich von einem Vollbad überzeugen, damit ein leidender junger Werther sich traute, seine Ansichten laut auszusprechen. Später kamen beide auch noch miteinander ins Gespräch und konnten ein paar Kompromisse aushandeln.
Oft liefen dabei auch Tränen, wenn sich Anteile offenbarten, von Verletzungen und Ohnmacht erzählten und Schmerz fühlbar wurde. Gut war, dass sie dabei nie allein waren und das auch erleben konnten. Es fand ja immer im inneren Dialog statt und manchmal kamen auch einfach andere Anteile dazu, spendeten Trost und zeigten andere Möglichkeiten auf. Die innere Kritikerin wurde zum Beispiel von ihrem 24-Stunden-Dienst befreit und zur QM-Beauftragten ernannt, mit geregelten Arbeitszeiten, ausreichend Pausen und Urlaub. Der diensthabende Offizier im Dauereinsatz wurde auf einen Kontrollposten versetzt und braucht nur noch Meldung zu machen und nicht mehr selbst in die Schlacht zu ziehen.
Es klingt ein bisschen verrückt, wenn man das so liest, oder? Aber es war ganz heilsam und hat viel in Bewegung gesetzt. Ganz oft war ich überrascht von dem, was die einzelnen Anteile so von sich gaben, wer da auftauchte, was es zu fühlen gab oder was womit zusammenhing und sich als Lösung zeigte. Wie so ein Abenteuerroman, der im Schreiben entsteht. Mit bewusstem Nachdenken wäre ich da nie drauf gekommen und es hätte vermutlich auch nicht so gewirkt.
Für die, die mehr über die Arbeit mit inneren Anteilen wissen wollen, kommen hier ein paar Buchempfehlungen. Wobei ich denke, dass es schon gut ist, sich in so einem Prozess gut und ggf. auch psychotherapeutisch begleiten zu lassen, je nachdem was die eigene Geschichte so bereithält.
Early, Jay (2014): Meine innere Welt verstehen. Selbsttherapie mit Persönlichkeitsanteilen. 3. Auflage. Kösel Verlag. München.
Hagehülsmann, Ute (2012): Transaktionsanalyse – Wie geht das? Transakationsanalyse in Aktion. 6. Auflage. Junfermann Verlag. Paderborn.
Schmidt, Gunther (2013): Einführung in die hypnosystemische Therapie und Beratung. 5. Auflage. Carl Auer Verlag. Heidelberg.
