Es gibt diesen Moment im Coaching, wo man denkt: „Ja, klar. Jetzt hab´ ich´s.“ Und wenn man dann da draußen in eine ähnliche Situation kommt, fällt man doch ins alte Muster zurück: Wo gerade noch klar war, dass meine eigenen Bedürfnisse genauso wichtig sind, wie die der anderen, mache ich im direkten Kontakt mit der Kollegin doch lieber schnell, worum sie mich bittet, anstatt nein zu sagen. Oder hänge eben ne Überstunde dran, damit noch was fertig wird, obwohl ich doch eigentlich zum Sport wollte.
Wenn das geschieht, ist man selten gnädig mit sich selbst. Zumindest kenne ich das gut von mir, dass ich dann nicht nur genervt bin, weil ich länger mache, sondern dazu auch noch wütend auf mich selbst, weil ich nicht umgesetzt habe, was ich mir vorgenommen hatte. „Nicht schon wieder!“, sagt die innere Kritikerin und das Augenrollen ist fast hörbar.
Dabei könnte ich auch gnädig mit mir sein und mir zugestehen, dass so eine Veränderung Zeit braucht. Bei Gunther Schmidt heißt das liebevoll „Ehrenrunden drehen“ – immerhin hat das Einüben der Muster auch ein paar Jahrzehnte gedauert. (Von den guten Gründen, die da oft hinter stecken ganz zu schweigen).
Neben dem Gedanken der Ehrenrunde finde ich die folgende kleine Geschichte und dieses schulterzuckende „Gewohnheit“ („It´s a habit.“ im Original) wunderbar passend:
Autobiografie in 5 Kapiteln
(von Portia Nelson)
Kapitel 1:
Ich gehe eine Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich falle hinein. Bin verloren. Hilflos.
Es ist nicht mein Fehler.
Es dauert ewig, wieder hinauszufinden.
Kapitel 2:
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es immer noch nicht. Ich falle hinein.
Ich kann nicht glauben, dass mir das wieder passiert ist. Es ist nicht mein Fehler.
Es dauert immer noch lange, wieder hinauszukommen.
Kapitel 3:
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich sehe es. Ich falle trotzdem hinein.
Gewohnheit. Es ist mein Fehler. Ich weiß, wo ich bin.
Ich komme schnell wieder raus.
Kapitel 4:
Ich gehe dieselbe Straße entlang.
Da ist ein tiefes Loch im Gehsteig.
Ich gehe daran vorbei.
Kapitel 5:
Ich nehme eine andere Straße.
Es ist ein Weg. Also sei gnädig und erlaub Dir Ehrenrunden. Auch der inneren Kritikerin. Die hat ja auch kein leichtes Leben. Immer auf alles achten müssen und so.
Meine innere Kritikerin bekommt jetzt erstmal ne Mütze Schlaf – der Artikel entsteht nämlich gerade in der Blognacht von Anna Koschinski. Schöner Impuls, dieses „Nicht schon wieder“. Danke Anna und Grüße an den Rest der Bande!

Danke für den Denkanstoß! Man sollte tatsächlich weniger daran verzweifeln, wie man um das Loch herumkommt, und öfter einfach eine andere Straße nehmen!
Sehr gern. Manchmal hilft ja auch schon der Gedanke, dass es mehrere Möglichkeiten geben könnte. Ob „einfach“ dann einfach ist, ist noch mal ne andere Frage 🙂
Wie viele Autobiografien in fünf Akten ich wohl schon in meinem Leben erlebt habe?
Vom noch erleben ganz zu schweigen.
Denn manchmal erinnere ich mich,
aufgrund von ADHS nicht mal an die vorher stattgefundenen Akte.
Deshalb umso mehr dieses: Sei gnädig 🙂 Es ist ein Weg – auch das Erkennen und Erinnern.
Die Geduld mit sich selbst ist wohl wirklich der schwierigste Teil einer Veränderung.
Das glaube ich auch, liebe Martha. Und so wertvoll, wenn es mal gelingt 🙂
Wie Recht du hast.
Auf Instagram gibt es eine Dame, die als Psychotherapeutin wirklich gute Tipps gibt und mein Dilemma immer wieder punktgenau aufgreift.
Warum ich meine Entscheidungen nicht diskutieren muss, dass ich nicht der Hanswurst für alle bin, dass ich nicht für die Harmonie in meinem Umfeld verantwortlich bin. Trotzdem ich diese reels mit einem lauten JA GENAU! anhöre, verfalle ich 5 Min später wieder in meine alten Muster und erkläre mich zu Dingen bereit, die ich eigentlich gar nicht will. Und dann ärger ich mich. Über mich selber.
Da wieder raus zu kommen ist elend schwer und viel Arbeit.
Toller Beitrag für die Blognacht!
Sabine aus dem Mausloch
Liebe Sabine,
das stimmt, da hat man oft dieses „Na toll, jetzt weiß ich das – und jetzt?!“ Da braucht es dann noch mal mehr als nur die Erkenntnis, sei es eine starke Erinnerung, regelmäßiges Training oder eine Idee, was da eigentlich hintersteckt, wenn man das immer wieder macht. Auf jeden Fall ist Geduld und gut zu sich zu sein immer ne gute Sache, auch wenns schwerfällt.
Danke Dir für Dein Feedback und liebe Grüße! Melanie