Schätze der Vergangenheit

Ein ausgepustetes Streichholz. Rauchkringel, die in die Luft steigen, sich auflösend mit dem Geruch des Tannengrüns und der Honigkerzen mischen. Ungefähr so riecht Weihnachten. Und es klingt nach dem Geraschel der Streichholzschachtel und dem Anreißen der Streichhölzer. Schließlich gab es einige Kerzen anzuzünden: Das Teelicht im Stövchen, die Kerze auf dem Tisch, die am Adventskranz und die auf der Fensterbank. Mindestens. Saßen wir in der guten Stube, kamen noch die Teelichte in den Häuschen aus dem Winterdorf auf den Fensterbänken dazu und die Minikerzen der kleinen Engel. In manchen Jahren gab es sogar echte Kerzen am Baum.

Im krassen Gegensatz zu dieser Gemütlichkeit stand ein Märchen, das wir in der Weihnachtszeit in der Grundschule gehört haben: „Das Mädchen mit den Schwefelhölzern“ von Hans Christian Andersen. Ich weiß noch, dass ich damals ganz entsetzt war, dass es nicht gut endete. Das taten Märchen doch eigentlich, oder? Zumindest nach meiner kindlichen Erfahrung: Gretel überlistet die Hexe, Rotkäppchen den Wolf, das Sterntaler-Mädchen wird reich beschenkt … Sie lebten alle glücklich bis an ihr Lebensende.

Und selbst Max und Moritz gelang es, nachdem sie zwar von Witwe Boltes Hühnern aufgepickt wurden, weitere Streiche zu begehen. – Zumindest in meiner kindlichen Vorstellung. Ich weiß nicht mehr, wie es im Buch wirklich war. Aber dieses Mädchen mit den Schwefelhölzern starb einfach. Obwohl es Streichhölzer hatte. Obwohl es eine Familie hatte. Ich war wirklich lange und nachhaltig bestürzt darüber.

Als Sterbebegleiterin kann ich das Märchen heute etwas anders lesen und würde sagen: Ein Glück, dass die Kleine die Schwefelhölzer hatte! Sie konnte damit wärmende und trostspendende Bilder heraufbeschwören, so real, dass sie sie spüren konnte. Und sie konnte sich ihre geliebte Großmutter vergegenwärtigen, die ihr Geborgenheit und ein Gefühl des Heimkommens gab.

Gerade in den schwersten Zeiten sind solche Vorstellungen und Erinnerungen so wertvoll. Und oft gelingt damit in Begleitungen ein Moment der Leichtigkeit, ein Lächeln oder sogar ein herzhaftes Lachen. Und – ich merke das sehr mit diesem Schreibadvent – auch in guten Zeiten tut es gut, sich die Schätze der Vergangenheit immer mal wieder vor Augen zu führen, wie diesen Geruch von Weihnachten.

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