„Bin sofort da. Wirklich. Nur noch einen Moment.“ – „Ja klar“, denke ich, „wie immer, mit diesem Frei. Das hat es schon so oft gesagt. Und dann?“ Es läuft vor mir her, schaut von Weitem rüber und ist es dann da, muss ich doch noch eben gerade was fertig machen. „Typisch“, denkt das Frei, „irgendwas ist ja immer.“
Wäre es eine Beziehung, würde ich sagen: Es ist kompliziert. Mit dem Frei und mir. Dabei mögen wir uns wirklich gern. Ich bin auch gar nicht so schlecht im Faulenzen und Nichtstun. – Nur leider eher dann, wenn eigentlich gut was zu tun ist. Aber nun. Vielleicht ist das so, wenn man selbstständig ist. Vielleicht passen das Frei und ich einfach nicht zusammen. Bevor das allerdings der Schluss ist, schaue ich lieber noch mal genauer hin und frage mich: Wann ist ein Frei ein Frei?
Es gibt nämlich schon ein paar Formen von Frei, die mir ganz gut gelingen. Da wäre zum Beispiel das kleine Frei: nach Seminar- und Workshoptagen. Wenn der Tag oder die Woche besonders produktiv waren. Oder wenn etwas fertig geworden ist.
Dann das Frei, das von außen geschützt ist: das Insel-Frei (man kommt nicht weg und es gibt nichts zu tun), die Klosterauszeit (dicke Mauern schützen vor äußeren Anforderungen, die festen Strukturen entlasten von Planung und Entscheidungen und im Schweigen hat man so richtig seine Ruhe) oder man fährt nur weit genug weg (wunderschön ist es in Panama zum Beispiel oder in Südafrika). Dann gelingt das mit dem Frei und mir ganz gut.
Neben diesen Freis gibt es noch so ein Frei, das aber eher ein Unfrei ist – auch das in mehreren Variationen:
- Das Eigentlich-Frei: Wenn ich eigentlich frei habe, aber noch dies und das abarbeite. Doch noch ein Coaching annehme. Oder einen neuen Ratgeber entdecke, den ich unbedingt durchackern muss. Oder wenn doch noch mehr zu tun ist, als ich dachte (Wie? Der letzte Workshoptag ist nicht der letzte Arbeitstag?! Überrascht mich immer wieder, was danach noch alles zu tun ist.)
- Das Prokrastinations-Frei: Wenn ich mir frei nehme, obwohl ich eigentlich arbeiten müsste. Heimlich mache ich was anderes, als ich eigentlich vorhatte (also, heimlich vor mir selbst, irgendwie. Chefin oder Chef hab ich ja nicht). Wenn´s gut läuft, mache ich dann einfach etwas, das auch okay ist, nur eigentlich nicht geplant war, wie aufräumen etwa, schlafen, oder was Kreatives. Nun gut, oft genug daddel ich auch einfach nur rum.
- Das geschenkte Frei: Ein Termin wird abgesagt und ich verrate es keinem (wem auch?!). Das Charmante daran: Die Zeit ist wirklich frei, es war ja nichts anderes geplant.
- Das erschummelte Frei: Das nimmt sich das geschenkte Frei zum Vorbild, schummelt aber ein bisschen. Ich stelle mir einfach vor, ich könnte ja jetzt auch ein Seminar geben oder einen Termin haben, dann wäre ich ja auch nicht erreichbar und könnte nichts anderes tun. Also, könnte ich auch frei machen. Klingt logisch, oder?
So oder so, es bleibt ein Unfrei. Das Frei verschwimmt irgendwie, wird unzufrieden. Es ist zwar da, aber nicht so richtig. Jedenfalls nicht mit Entschiedenheit. Es hat dann eher was von psychologischen Spielchen – deshalb fühlt es sich auch erstmal ganz gut an. Schließlich gibt es sowas wie Auszahlungen: die diebische Freude über das heimliche Frei und das Schnippchen, das ich der Zeit geschlagen habe. Oder wenn das Arbeiten gewonnen hat: das grandiose Gefragtsein, das nicht mal ein paar Tage Frei erlaubt, und der glückliche Streng-Dich-an-Antreiber, der die Anstrengung eh lieber mag als das Frei. Es lebe das Skript, würden die TA´ler sagen. Also nein: Frei ist das nicht.
Wann ist das Frei denn nun ein echtes Frei?
Ist Frei also nur dann frei, wenn es entschieden ist? Wenn es entschieden ist, hat es jedenfalls die besseren Chancen auch wirklich frei zu bleiben. Es braucht also feste Termine. Mit einem klaren Start und einem Ende. Am besten solche, die auch realistisch sind – also erstmal vielleicht lieber 2 Wochen als 2 Monate (ich bin manchmal auch wirklich optimistisch :)). Schön ist schon, wenn die Tage oder Wochen drumherum nicht bis oben hin und knallvoll sind. Aber anstatt sie Vor- und Nachurlaub zu nennen und als Frei zu deklarieren, ist es vielleicht klüger, sie als entspanntere Arbeitstage anzusehen, die ja auch mal sein dürfen. Dann kriegt das Frei nicht vor dem Urlaub schon schlechte Laune, weil es meint, zu kurz zu kommen.
So oder so, die Kunst ist vermutlich, eine gute Balance zwischen verplanter Zeit und Freizeit zu finden. Das gilt wohl auch fürs Frei. Omi hatte immer die Regel: 1 Tag Abenteuer, 1 Tag Erholung. Das ist vielleicht eine ganz gute Formel, also so grob geplant. Denn die Frage ist ja, ob Frei nun heißt, wirklich frei zu haben und nichts zu tun. Oder ist frei auch, wenn ich Freunden beim Umzug helfe? Am Blog schreibe? Zu Hause Ordnung schaffe? Endlich das Sportprogramm aufnehme, das sonst immer zu kurz kommt?
Ich denke, es sollte nur nicht in Arbeit ausarten. Also, egal was. Es wäre dösig, vom einen Hamsterrad ins andere zu steigen und den gewohnten Leistungsanspruch einfach auf ein anderes Feld zu übertragen. Stattdessen geht es wohl eher darum, mir frei zu geben, ganz ohne Leistung und Anspruch. Mich einfach so sein zu lassen, wie ich gerade bin, und zu tun, wonach mir so ist. Und dann könnte ich mich ganz entspannt fragen: Wie sieht denn nun mein Frei aus?
Wie sieht mein Frei aus?
- Wie viel Arbeit darf darin stecken?
- Wie viel Schreiben? Wie viel Hängematte?
- Wie viele Menschen? Orte? Aktivitäten?
- Wie viel Neues? Altes? Wie viel Abenteuer?
- Wie viel Schlaf? Und Lesen? Rumgammeln?
- Wie viel Aufräumen, Saubermachen, Ordnungschaffen?
- Wie viel Sport? Ausflüge? Meer?
Ich schätze, wie eine gute Mischung. Mit dem, wonach mir ist, und wozu ich gerade die Energie habe. Was sonst vielleicht zu kurz kommt, ohne jetzt zu übertreiben. Und plötzlich streicht mir das Frei schnurrend um die Beine, streckt sich zufrieden in der Sonne aus und lässt sich den Nacken kraulen. Wie schön.

Liebe Melanie, habe mich ja schon sehr auf diesen Beitrag gefreut. Frei hat viele Gesichter, manchmal ist es fordernd, manchmal genussvoll, manchmal geschummelt, manchmal abenteuerlich. Deine Oma war eine weise Frau, Abenteuer und Erholung im Wechsel, das mag ich.
Kometenhafte Grüße
Stephanie
Wohl wahr – also, alles 🙂 Danke Dir für den Austausch zum Thema und das gemeinsame Schreiben!