Die Betrachtung geht mit der Frage los, worin das Wesen von Ecken und Kanten liegt und wo sie sich unterscheiden. Sie werden so oft zusammen genannt, sind aber schon grundverschiedene Dinge. Deshalb die Frage: Was ist das Wesen einer Ecke, im Gegensatz zum Wesen einer Kante? Was macht eine Ecke zur Ecke und eine Kante zur Kante? Diese Fragen sind gar nicht mal so trivial, wie sie sich vielleicht anhören. Zumindest habe ich das heute morgen so erlebt.
Um mich der Frage des Wesens von Ecken und Kanten anzunähern, habe ich es erst mit Nachdenken und Schreiben versucht, bin aber schnell beim Zeichnen und genauen Betrachten gelandet. Und schließlich bei einem Selbstversuch mit Kaffeetasse und Tischkante.
Leider hatte ich keine weiteren Versuchspersonen zur Verfügung, aber vielleicht teilst Du Deine Beobachtungen, wenn ich Dich anstiften kann: Was würdest Du sagen: Wo geht die Kante eines Tisches los? Und ist das unterschiedlich, je nachdem ob Du eine volle oder eine leere Tasse abstellst?
Mit den Details meiner Betrachtungen verschone ich Dich – sie waren mehrere Seiten lang. Aber die Fragen, die das Ganze aufwarf, begleiten mich nun schon den ganzen Tag.
Zum Beispiel:
- Bilden schon die zwei Wände im Zimmer, die aufeinander stoßen, eine Ecke, oder braucht es die Decke oder den Boden dazu?
- Wie weit geht diese Ecke? Über die ganze Höhe der Wände? Oder – wenn es Decke und Boden braucht: Sind die Ecken dann nur oben und unten? Wie heißt dann der Rest, wo die Wände aneinander stoßen?
- Gezeichnet reichen schon zwei Linien, um eine Ecke zu sein. Es muss keine geschlossene Figur wie ein Dreieck sein, oder? Ist es nicht trotzdem komisch, dass es kein Zweieck gibt?
Und Kanten sind nicht weniger fragwürdig. Nach meinen Beobachtungen braucht es für eine Kante zwei Flächen, die aufeinander stoßen. Wobei die eine so flach sein kann, wie sie will. Sie kann dann nur sehr scharf werden, wie die Papierkante, an der man sich so fies schneiden kann. (Sind beide Flächen sehr flach, bin ich vermutlich wieder bei einer Ecke, oder? Wäre die Kante dann eine verlängerte Ecke? Ich fürchte, hier endet mein räumliches Vorstellungsvermögen.)
Die Frage, die sich mir ganz lebenspraktisch stellt, ist vor allem: Wo genau beginnt eine Kante? Also genauer: Die Kante eines Tisches?
Falls Du unbefangen mit experimentieren willst, lies noch nicht weiter. Such Dir stattdessen Malerkrepp oder Tape – oder stell es Dir vor – und markiere an dem nächsten Tisch, an dem Du vorbeikommst, die Tischkante und ggf. die Fläche, die für Dich noch zur Kante gehört. Es würde ich wirklich sehr interessieren!
Mein Experiment sah dann so aus: Ich habe ausprobiert, in welcher Entfernung zur Tischkante eine Tasse „an der Kante“ steht. Die unterschiedlichen Versuchspunkte waren:
- eigentlich nicht mehr an der Kante, sondern eher auf der Kante (ich hätte gedacht, mittig über der Kante schwebend müsste gehen, das stimmte aber bei meiner Tasse nicht, was immer da los war)
- direkt an der Kante, also so, dass der Tassenrand direkt mit dem Ende der Tischplatte schließt
- so nah an der Kante, dass sie bei mir den unwiderstehlichen Drang auslöst, sie weiter auf den Tisch zu schieben (ca. 2 – 5 cm von der Tischkante entfernt)
- so nah an der Kante, dass ich sie dort zwar stehen lassen kann, sie aber trotzdem im Bewusstsein halte, während ich weiterschreibe, um sie nicht aus Versehen runterzuschmeißen (ca. 5 – 10 cm)
- so weit weg, dass ich sie entspannt stehen lassen kann (alles ab 15 cm)
Der Unterschied zwischen „auf dem Tisch“ und „an der Kante“, beträgt also für mich ungefähr 5 – 13 cm. Meine Tape-Markierung hätte ich direkt auf die Kante geklebt und wahrscheinlich noch mal 2 cm angelegt. Und obwohl ich weiß, dass in meiner Welt Tassen nicht so nah am Abgrund stehen dürfen, haben mich die 15 cm Abstand doch überrascht. Dort hätte ich mein Tape nie hingeklebt.
Du fragst Dich, warum das überhaupt relevant ist? Hast Du Dich schon mal darüber gestritten, wie nah eine Tasse an der Tischkante stehen darf oder gar an der Ecke? Wie die Spülmaschine richtig eingeräumt ist oder ob Tassen eine Pause auf der Spüle brauchen, bevor sie in die Spülmaschine geräumt werden können? Na also. Jedes Team mit einer Gemeinschaftsküche kennt diese Fragestellungen. Wir wären also direkt bei den Ecken und Kanten, die jeder so persönlich mitbringt, und wie viel Verständnis man dafür aufbringen kann. Für eigene und fremde.
Dieser Text ist angestoßen davon, dass Anna in ihrem Impuls heute morgen schrieb, wir sollten alles vergessen, was wir übers Schreiben gelernt haben. Und das entspricht ungefähr der phänomenologischen Grundhaltung: Löse Dich von Deinem Vorwissen, Deinen Theorien und Schablonen und sei offen für die Dinge an sich, so wie sie sich Dir jetzt zeigen. Zu den Dingen selbst zurückzukehren, forderte Edmund Husserl, der Begründer der Phänomenologie.
Und was meine Ecken und Kanten angeht? Getreu dem Motto „Show, don´t talk!“: Wer denkt denn bitte so ausführlich und lange über Ecken und Kanten nach und kann eine Tasse nicht Tasse sein lassen, solange sie nicht weit genug auf dem Tisch steht?!

Also für mich ist die Kante nur die Linie zwischen der einen und der anderen Fläche. Eine Ecke ist für mich eigentlch ein Winkel nach außen (Mathematiker bitte weglesen), aber man spricht bei dem nach innen auch von Ecke. Oder hat man schon mal etwas von „in den Winkel stellen“ gehört? Nur von einem verschwiegenen oder dunklen Winkel aber der braucht nur versteckt zu sein, nicht unbedingt eckig und er führt auch nicht zwangweise in den Abgrund. – Oder?
Ha, stimmt, wenn beide Flächen ganz flach sind, hab ich eine Linie. Hat eine Linie denn wohl Ecken am Ende?
Bei den Winkeln und der Frage von Innen und Außen bin ich bei meinen Überlegungen auch vorbeibegekommen. Bei Dingen, die man in die Ecke stellt und bei Gruschelecken – wobei ich mich auch da gefragt habe, wo in einem Zimmer eigentlich die Ecke losgeht. Das ist ja auch nicht nur genau der Winkel, wo die Wände aneinander kommen sondern die Fläche davor, oder?
Und den Abgrund würde ich generell eher mit Kanten als mit Ecken verbinden. Ich finde, Ecken verweisen irgendwie eher auf das Vorhandene, das was sie begrenzen. Während die Kante eher auf das Nicht-Vorhandene, also den Abgrund oder das Zuendesein verweist.
Die Gemeinsamkeit von Ecken und Kanten ist für mich eindeutig, dass man sich daran stoßen kann. Und wenn dieser eine jemand sein Handy so ablegt, dass es über die Tischkante ragt (um es besser greifen zu können) schieb ich es trotzdem in einem unbemerkten Moment mindestens fünf Zentimeter von der Kante weg in Richtung Tischmitte.
Ha, danke Astrid! Ich bin also nicht allein 🙂